Das Märchen von Karfunkelstein

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Geislergruppe im Herbst

Das Märchen vom Karfunkelstein

(09.07.2009)

(von Amalie Graf)

Es war einmal ein Baron, der reiste gerne.

Dieser Baron, Freiherr von und zu Grießenbeck fuhr fast täglich übers Land und

besuchte seine Bekannten, die auch Ländereien besaßen.

Er gab ihnen gute Ratschläge beim Bau neuer Stallungen, wie sie am besten ihre Felder bestellten und ihr Vieh züchteten.

Manchmal fuhr er mit seinen Freunden ein paar Tage in ein anderes Land und zeigte ihnen, wie dort die Güter bewirtschaftet wurden. Die Frauen blieben zu Hause und verrichteten derweil die Arbeit.

Aber mit der Zeit fingen die Frauen an zu murren. Sie bedrängten den Baron und bettelten, er solle sie auch einmal mitnehmen in ein fernes Land.

Der Baron, der gutmütig war, gab dem Drängen der Damen nach und versprach,

ganz allein mit ihnen eine Fahrt zu organisieren.

Er rief seine Bedienstete, Rita von Karlesbach und befahl ihr, Briefe auszusenden um die Frauen einzuladen.

Die Damen des Landes waren hellauf begeistert und fingen gleich an ihre Koffer zu packen.

Der Baron bestellte aus Prag die längste Karosse die sie dort hatten.

An einem herrlichen Spätsommertag brachen sie dann auf.

Überall im Land standen schon beim Morgengrauen die Damen mit ihren Koffern an den Straßenränder und warteten.

Da standen die Herzoginnen und Edeldamen von Waldeskirch, Herzogin Theresia von Harnstein, die Fürstinnen Kristine von Lindenbüchel und Ernestine von Fürsten-Eck, die Herzogin Christiane von Waldesbrunn, die Edeldamen Johanna, Dorothea und Gertraud von Lichten-Stein, Baronin Anna Elisabeth von Rennpoltstein, die Herzoginnen und Gräfinnen von der Grafen-Au, Baronin Bettina mit Baroness Maria von der Hohen-Au, um nur einige zu nennen. Sogar Alice aus dem Wunderland stand da. Diese hatte schon mehrere Kontinente bereist und beherrschte viele fremde Sprachen.

Fast jede der Damen hatte einen Korb mit Proviant für die angesagte lange Reise dabei.

Andreas, einer der besten Prager Lenker, steuerte die Karosse. Alle zwei bis drei Stunden hielt er an.

Rita von Karlesbach kochte dann Kaffee, der Baron stieg aus, klappte ein kleines Tischchen auseinander und die Damen breiteten ihre mitgebrachten Kuchen darauf aus. Sie labten sich dann alle genüsslich und dachten gar nicht mehr an ihre Männer daheim.

Bei der Weiterfahrt schritt gelegentlich der Baron durch die Reihen und goss den Damen aus einem Kanister edlen Wein in die Becher.

Sie waren alle vergnügt und hatten kam bemerkt, dass sie schon die Alpen überquert hatten.

Plötzlich bog Andreas von der Straße ab und steuerte auf einen Berg zu, der ganz mit Efeu bewachsen war. Aus dem Berg schaute der Kopf eines Riesen, der auch ganz grün mit Efeu bedeckt war. Er hatte große funkelnde Kristallaugen und aus seinem Mund floss glänzendes Kristallwasser.

Der Baron führte die Damen in den Berg hinein.

Am Anfang kamen sie in eine ziemlich dunkle Höhle. Im fahlen Licht stand plötzlich eine Fee, die sprach:

„Ihr taucht jetzt ein in die Phantasiewelt der Kristalle. Wenn ihr durch die dreizehn Gänge der Höhle findet, dann gelangt ihr in eine große Schatzkammer.“

Alle tasteten sich durch die Gänge und an ihnen vorbei schossen Lichterblitze und glänzende Lichterkugeln. Die Damen ließen sich nicht beirren und gingen tapfer weiter. Nach jedem Gang wurde es etwas heller und sie hörten von weitem wunderbare Musik. Sie gingen dem Klang nach und dann standen sie auf einmal in einer großen, hell erleuchteten Schatzkammer.

Diese war gefüllt mit lauter Kristallen, aber jeder durfte nur so viel mitnehmen, wie er bezahlen konnte.

Vom Ausgang der Schatzkammer schien die Sonne herein und so fanden alle wieder den Weg ins Freie.

Die Damen waren ganz beeindruckt und so manche hatte sich ein paar Kristalle gekauft.

Sie stiegen wieder in die Karosse und kamen bald an ihre Herberge.

Am nächsten Morgen fuhren die Freunde des Barons, Herzog Mario und seine Frau Madam Franka mit und zeigten den Damen ihr Land. Sie kamen an großen Wein- und Obstgärten vorbei und durchquerten ein steiles Gebirge (die Dolomiten). Es war ein herrlicher Tag und die Sonne leuchtete auf die schneebedeckten Gipfeln und Gletscher.

Während der Fahrt stand der Baron einmal auf und sagte:

„Meine Damen, ich habe eine Überraschung für euch. Wir sind heute auf der Burg Karfunkelstein, hoch droben auf dem Berg geladen. Zieht eure schönsten Kleider an, die ihr im Koffer habt und nehmt Fackeln mit.“

Als sie an der Herberge ankamen, durchwühlte gleich jede ihren Koffer und suchte ihr schönstes Kleid heraus. Sie schmückten sich mit den Kristallen aus der Schatzkammer und wanderten dann gegen Abend mit dem Baron, dem Herzog Mario, dessen Frau Madam Franka und Großherzog Dario den steilen Berg hinan. In der Abenddämmerung standen sie hoch oben auf dem Burghof. Zu ihren Füßen lag die hell erleuchtete Stadt.

Der Herzog und der Baron führten die Damen in den großen Saal.

Da standen sie nun alle mit großen Augen und staunten.

Kerzen erleuchteten den Saal, lange Tafeln waren gedeckt mit wertvollen Gläsern

(von Eisch) und edlem Geschirr.

Viele Diener kredenzten den besten Wein und trugen feine Speisen auf, wie Kalbsbäckchen mit Polenta und vieles mehr.

Alle aßen und tranken und wurden immer vergnügter.

Kurz vor Mitternacht, ihre Füße waren vom vielen Wein schon etwas schwer geworden, standen sie auf und wollten zurück zur Herberge.

Aber erst als sie auf dem finstern Burghof standen, merkten die Damen, dass sie ihre Fackeln vergessen hatten.

Da standen sie nun wie die törichten Jungfrauen, die ihre Lampen vergessen hatten.

Sie fingen an zu singen, damit sie sich gegenseitig nicht verloren.

Da leuchteten auf einmal die Steine links und rechts des Weges und zeigten ihnen den Weg nach unten.

Ohne diese Karfunkelsteine hätten sie in der Nacht den langen, steilen Weg nicht mehr zurückgefunden.

Unten am Fuße des Berges wartete schon die hell erleuchtete Karosse.

Wenig später trafen auch der Baron, Herzog Mario mit Frau und Großherzog Dario ein. Sie hatten als einzige ein Licht mit auf den Berg genommen.

Am nächsten Morgen, als die ganze Gesellschaft wieder ausgeschlafen hatte, machten sie sich auf die Heimreise.

Auf dem Weg besuchten sie noch kurz Großherzog Dario, der ihnen unbedingt seine neu gezüchteten Kulturpflanzen zeigen wollte. Auf seinem Feld standen Maispflanzen in einer Höhe von fünf bis sechs Metern.

Er pflückte für die Reisenden noch seine letzten Feigen vom Baum, schenkte ihnen Trauben von seinem Weinberg und ließ ihnen den neuen Wein kosten.

Die Sonne lachte wieder den ganzen Tag vom Himmel und abends kamen alle wohlbehalten zu Hause an.

Daheim warteten schon die Männer auf ihre Frauen und waren froh, dass sie wieder da waren. Seitdem verrichten die Frauen wieder ihre Arbeit, träumten von fernen Ländern und möchten mit dem Baron wieder einmal dorthin reisen.